Lars Reinfried erklimmt die höchsten Gipfel dieser Welt. Doch den härtesten Kampf erlebte er in der Schule, als er wegen seiner Epilepsie gemobbt und zum Aussenseiter wurde. Der 23-Jährige ist heute als Epi-Coach bei Epi-Suisse aktiv und will anderen Betroffenen Mut machen.
Als er zehn Jahre alt war, hatte er seinen ersten Anfall. „Ich sass mit meiner Familie vor dem Fernseher, wir haben Pizza gegessen, dann erinnere ich mich an nichts mehr“, erzählt Lars Reinfried. Der junge Mann sitzt auf dem Sofa in seinem Elternhaus im Kanton Glarus. Er will mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit, um anderen Mut zu machen, nicht aufzugeben. In der Epi-Klinik in Zürich wurde ihm Epilepsie mit starken Anfällen diagnostiziert. „Die Anfälle dauerten etwa zehn Minuten, aber für mich waren sie nie schlimm, da ich gar nichts davon mitbekam“, sagt der 23-Jährige. Doch nach den Anfällen litt er: er schlief mindestens zwölf Stunden am Stück, war körperlich ausgelaugt, an die zwei, drei Tage vor dem Anfall hatte er nur noch bruchhafte Erinnerungen.
ICH FÜHLTE MICH WIE EIN FEHLER, DEN MAN KORRIGIEREN MUSS
Obwohl er nie in der Schule einen Anfall hatte, fingen seine schulischen Leistungen erheblich an zu sinken. Durch viele Absenzen, weil er direkt nach einem Anfall nicht zur Schule konnte. Er wurde vergesslich und seine Mitschüler fanden ihn plötzlich „komisch“. Auch die Lehrer konnten nicht mit der Situation umgehen und setzten sich auch nicht damit auseinander. Für sie war Lars Reinfried einfach faul und wollte nicht. „Es war eine verdammt harte und schwierige Zeit für mich“, sagt er und der Schmerz von damals ist ihm auch heute noch anzumerken. Immer mehr wurde er von seinen Mitschülern verstossen. „Ich habe mich mit aller Kraft dagegen gestemmt, ich wollte diese Krankheit nicht haben. Ich war wütend auf die anderen, auf mich, auf die Krankheit, auf die ganze Welt.“ Der heute 23-Jährige fühlte sich alleine. „Niemand sonst hatte das, ich war für die anderen einfach der Komische.“
Neuanfang England
Als Ausgleich zu diesem Kampf, den er tagtäglich führte, wollte Lars Reinfried, der mittlerweile die Oberstufe besuchte, bergsteigen und klettern. Doch die Ärzte rieten ihm davon ab. „Ich fühlte mich von niemandem verstanden.“ Seine Eltern waren für ihn da und sein älterer Bruder, mit dem er schon immer ein gutes Verhältnis hatte, wurde zu seiner grossen Stütze und Vertrauensperson. „Trotzdem fühlte ich mich total verloren“, sagt Lars Reinfried. Einmal in der Oberstufe passierte es und er hatte einen Anfall in der Schule. „Danach war ich total untendurch, niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben“, erinnert er sich. Der gesellige junge Mann wurde ungewollt zum Einzelgänger. „Ich fühlte mich wie ein Fehler, den man korrigieren muss.“
Nach der harten Oberstufenzeit fing er eine Lehre als Koch an. Trotz seiner Anfälle und obwohl die Ärzte über seine Wahl nicht begeistert waren. Aber alles wollte er sich nicht von der Krankheit nehmen lassen. Er absolvierte die Ausbildung, ging gerne in die Berufsschule, wo er zum ersten Mal einen Lehrer hatte, der ihn förderte und unterstützte und auf seine Bedürfnisse eingehen konnte. Nach der Ausbildung ging er für drei Monate nach England in einen Sprachaufenthalt. „Das war ein Neuanfang für mich, niemand kannte mich da oder meine Vorgeschichte, da bin ich richtig aufgeblüht“, erzählt er. Es gefiel ihm so gut und er machte auch in der Sprachschule so grosse Fortschritte, dass er gleich nochmals drei Monate anhängte. Nach der Schule wollte er noch nicht nach Hause. „Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig frei und hatte meine Lebensfreude wieder gefunden“, sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. So suchte und fand er eine Stelle als Sushikoch und blieb insgesamt 1.5 Jahre in England. Er fing mit intensivem Sport an, trainierte vier bis fünf Mal die Woche mit einem Personaltrainer.
Traum vom Bergsteigen liess ihn nicht los
Irgendwann musste er zurück in die Schweiz. Aber er kam gerne nach Hause. „Ich konnte bei null anfangen, ein gutes Gefühl.“ Lars Reinfried arbeitete kurze Zeit als Metzger, merkte aber bald, dass das nicht der richtige Beruf für ihn war. Er absolvierte die Handelsschule und wechselte in einen Bürojob. Und sein grosser Traum vom Bergsteigen liess ihn nicht los. Im Mai 2019, nachdem er seit vielen Monaten ohne Anfall lebte und es ihm so gut ging wie nie, machte er Nägel mit Köpfen. Und er fing nicht langsam an, sondern ging sogleich steil. Und zwar 4000 Meter hoch. Im Juni, nur einen Monat, nachdem er sich entschied, sich seinen Traum von nichts und niemandem nehmen zu lassen, auch nicht von der Epilepsie, bestieg er das Allalinhorn zum ersten Mal. „Das Gefühl, da zuoberst zu stehen, war unglaublich, unbeschreiblich. Ich fühlte mich einfach lebendig“, sagt der 23-Jährige. Und dieses Gefühl liess ihn nicht mehr los. Er wollte noch mehr, noch steiler, noch höher. So bestieg er bald darauf in einer fünftägigen sogenannten Spaghetti- Tour zehn 4000er. „Während dieser Tour habe ich das Matterhorn jeden Tag gesehen und ich wusste, das ist das nächste Ziel“, erzählt Lars
DA OBEN WAR ICH EINFACH LEBENDIG
Reinfried, der mittlerweile seine Leidenschaft auch zum Beruf gemacht hat und in einem Sportgeschäft, spezialisiert auf Bergsteigen und Klettern, arbeitet. Gesagt, getan. Mit seinem Bergführer bestieg er den Berg und erreichte den Gipfel, trotz verletztem Knie. „Ich stand da, auf diesem berühmten Berg, ganz alleine, ein Wahnsinnsgefühl“, erzählt er. Seine Augen leuchten wie Kinderaugen zu Weihnachten.
Es folgten weitere Berge und Gipfel in der Schweiz und dem nahen Ausland und eigentlich hätte er im vergangenen Sommer nach Kirgistan und im Herbst nach Nepal reisen wollen, um in Kirgistan verschiedene Gipfel und in Nepal den Himlung Himal mit einer Höhe von 7126 Metern zu erklimmen. Beides musste abgesagt werden wegen Corona. Doch Lars Reinfried lässt sich nicht aufhalten, weder von Corona noch von der Epilepsie: „Im April versuche ich, den Elbrus, mit 5642 Metern der höchste Berg Europas und einer der Seven Summits, zu besteigen und im November geht’s nach Nepal, wo ich den Chulu Far-East (6038 m) erklimmen möchte“, erzählt Lars Reinfried seine nächsten Pläne. Ein grosser Traum von ihm ist sicherlich auch, den Mount Everest zu besteigen, und das Ziel aller Ziele ist die Eiger-Nordwand. Unzählige Berge hat der 23-Jährige schon erklommen und den wohl wichtigsten Kampf gewonnen: seine Krankheit als Teil von sich zu akzeptieren. Seit fast 1.5 Jahren ist er mithilfe von Medikamenten anfallsfrei. „Wenn ich die höchsten Berge dieser Welt bezwingen kann, dann auch diese Krankheit“, ist er überzeugt und es ist diesem jungen, sympathischen Mann zu wünschen.
Lars Reinfried ist auch als Epi-Coach (siehe Kasten) aktiv und tauscht sich als solcher mit anderen Betroffenen individuell aus. Dieses Engagement ist ihm wichtig. „Ich will anderen Mut machen und zeigen, dass man nie aufgeben und an seinen Träumen festhalten soll.“
Text: Carole Bolliger · Foto: Reto Schlatter
Dieser Beitrag erschien erstmals im Epi-Suisse Magazin 01/2021
My.Epi-Coach
In Abgrenzung zu bestehenden epilepsierelevanten Selbsthilfegruppen ist My.EpiCoach ein ergänzendes Angebot, das auf das persönliche Gespräch setzt. Es ermöglicht Betroffenen, Eltern und anderen Angehörigen, rasch und unkompliziert einen Gesprächspartner zu finden, um sich über die Krankheit auszutauschen.