Lydia Schwendener, welche (emotionalen) Herausforderungen erleben Kinder, die mit einem schwer kranken oder beeinträchtigten Geschwister aufwachsen?
Geschwister von schwer erkrankten oder beeinträchtigten Kindern begegnen vielen emotionalen Herausforderungen. Oft wird das gesunde Kind von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern nicht genug in den Prozess einbezogen. Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt, und bleiben mit ihren Ängsten und Fragen allein. Sie machen sich Sorgen um die Eltern, wenn diese emotional belastet sind. Zudem können sie sich ungerecht behandelt fühlen, wenn das erkrankte Geschwister mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Welche Auswirkungen hat es, dass häufig das kranke Geschwister im Mittelpunkt steht?
Geschwisterkinder entwickeln oft ein hohes Feingefühl und übernehmen häufig Verantwortung, um ihre Eltern zu entlasten. Das kann positive Auswirkungen auf ihre sozialen Fähigkeiten haben. Sie lernen früh, empathisch zu sein, und können sich gut in andere Menschen hineinversetzen. Aber wenn sie zu viel Verantwortung übernehmen, ohne ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, können sie leicht überfordert werden. Das passiert oft, weil der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt und die Belastung für die Geschwister übersehen wird.
SPRECHT DARÜBER, IHR SEID NICHT ALLEIN.
Wie können Eltern ihre gesunden Kinder besser unterstützen?
Eltern sollten ihre gesunden Kinder immer wieder in Gespräche einbeziehen und ihnen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, auch wenn das nur für kurze Momente möglich ist. Es ist wichtig, dass sie über die Erkrankung oder Behinderung des anderen Kindes sprechen und den Geschwisterkindern Raum geben, ihre eigenen Gefühle zu äussern. Die Kinder sollten auch die Möglichkeit haben, Aktivitäten zu unternehmen, die nichts mit der Krankheit des anderen Geschwisters zu tun haben. So bleibt ihr Leben auch in schwierigen Zeiten ein Stück weit unbeschwert.
Welche Bewältigungsstrategien sind für Geschwisterkinder hilfreich?
Ein soziales Netzwerk ist wichtig. Der Austausch mit anderen Geschwistern in ähnlichen Situationen kann sehr entlastend sein. Aber auch Gespräche mit Fachpersonen können helfen, wenn die Belastungen zu gross werden. Es ist wichtig, dass Geschwisterkinder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu kommunizieren.
Sie sind Vorstandsmitglied des Vereins «Raum für Geschwister» (VRG). Was genau macht der Verein?
Der VRG setzt sich auf verschiedenen Ebenen für die Belange von Geschwistern von erkrankten oder beeinträchtigten Kindern ein. Wir bieten Angebote für Geschwisterkinder, erwachsene Geschwister, Fachpersonen und Eltern. Dazu gehören Gruppenangebote, Workshops und Fachveranstaltungen. Besonders wichtig ist uns die Unterstützung der Geschwisterkinder durch Austausch und Forschung. Wir haben zum Beispiel eine Geschwisterstudie in Auftrag gegeben, die erstmals systematisch die Lebenssituation dieser Kinder untersucht.
Gibt es ein Angebot, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Die Geschwistergruppe für Kinder im Schulalter, die wir in der Region Nord ins Leben gerufen haben, ist mir besonders wichtig. Es freut mich zu sehen, wie positiv die Rückmeldungen von Eltern und Kindern sind. Ausserdem bin ich stolz auf die Geschwisterstudie, die wertvolle Erkenntnisse über die psychische Belastung von Geschwistern erkrankter oder beeinträchtigter Kinder liefert.
Wo sehen Sie noch Lücken in der Unterstützung für Geschwisterkinder?
Es gibt noch viel zu tun, insbesondere in der Sensibilisierung von Fachpersonen aus der Pflege, Heilpädagogik und Sozialpädagogik. Viele Beratungsstellen bieten bisher keine speziellen Angebote für Geschwisterkinder. Auch im politischen Bereich fehlt es an gezielten Massnahmen zur Unterstützung dieser Kinder. Wir brauchen mehr Entlastungsangebote und langfristige Betreuungsplätze für die betroffenen Familien.
Wird die Rolle von Geschwisterkindern in der Gesellschaft genug beachtet?
Die gesellschaftliche Wahrnehmung hat sich in den letzten Jahren verbessert, unter anderem im Hinblick auf die Unterstützung von Kindern von psychisch erkrankten Menschen. Die Geschwisterkinder bleiben jedoch oft unsichtbar. Hier besteht noch grosser Handlungsbedarf.
Welche politischen Massnahmen wären nötig, um Geschwisterkinder besser zu unterstützen?
Besonders Geschwister aus finanziell schwächeren Familien berichten von grösseren Belastungen und psychischen Problemen. Es ist wichtig, dass die Politik die Finanzierung von Entlastungsangeboten und Langzeit-Betreuungsplätzen unterstützt. Alles, was die Politik für Menschen mit Beeinträchtigungen unternimmt, kommt auch ihren Familien, und damit den Geschwistern, zugute.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mehr Sichtbarkeit für die Situation der Geschwisterkinder, mehr Gespräche und mehr Unterstützung. Es ist wichtig, dass diese Kinder nicht weiterhin unsichtbar bleiben und ihre Bedürfnisse anerkannt werden.
Sie sind sowohl betroffenes Geschwisterkind als auch Psychologin. Wie beeinflusst Ihre eigene Erfahrung Ihre Arbeit?
Meine eigene Erfahrung hat mir früh ein starkes Verständnis für familiäre Dynamiken und die Bedürfnisse von Geschwistern vermittelt. Als systemische Psychotherapeutin sehe ich die Menschen immer im Kontext ihrer Familie und ihrer Lebensgeschichte. In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Erwachsene, deren Leben durch ihre Rolle als Geschwisterkind massgeblich geprägt wurde.
Wie haben Sie Ihre Rolle als Geschwisterkind wahrgenommen?
Ich bin das zweitjüngste von fünf Kindern und meine älteste Schwester hat schwere Behinderungen. Es war für mich ganz normal, dass sie rund um die Uhr Betreuung brauchte. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass unsere Familie anders war als andere. Aber ich habe gelernt, dass wir immer das Beste aus der Situation machen können, auch wenn es manchmal traurig und ungerecht war.
Was hätten Sie sich als Kind mehr gewünscht?
Ich glaube, ich hätte mir manchmal mehr Raum für meine eigenen Gefühle gewünscht. Eine offene Frage von meinen Eltern, wie es mir wirklich geht, hätte mir geholfen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass meine Perspektive als Geschwisterkind mehr gehört wird.
Was würden Sie anderen betroffenen Geschwistern gerne sagen?
Sprecht darüber, ihr seid nicht allein. Steht für eure Bedürfnisse ein und scheut euch nicht, Unterstützung zu suchen. Eure Gefühle sind wichtig, und es ist in Ordnung, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Interview : Carole Bolliger
Dieser Beitrag erschien erstmals im Epi-Suisse Magazin 2025
LYDIA SCHWENDENER arbeitet als Psychotherapeutin bei der Luzerner Psychiatrie und setzt sich im Vorstand des Vereins «Raum für Geschwister» dafür ein, dass betroffene Kinder und Jugendliche nicht übersehen werden.