Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für Menschen mit Epilepsie in der Arbeitswelt?
Menschen mit Epilepsie sind oft Vorurteilen ausgesetzt und die Behandlung von Epilepsie hat häufig erhebliche Nebenwirkungen auf das tägliche Leben wie Müdigkeit, Gedächtnisstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Die meisten Menschen denken beim Wort Epilepsie an tonischklonische Anfälle, was bei Aussenstehenden Ängste schürt und sich in einer gewissen Befangenheit zeigt. Leider machen Betroffene in der Arbeitswelt immer wieder negative Erfahrungen, wenn sie offen über ihre Erkrankung informieren.
Welche Arten von Diskriminierung erfahren Menschen mit Epilepsie am Arbeitsplatz?
Das grösste Risiko im Zusammenhang mit Epilepsie ist die Ausgrenzung, sei es im Betrieb, in der Schule oder im Privatleben. Diskriminierungen behindern die Betroffenen noch stärker als die Krankheit selbst. In Unternehmen beginnt die Diskriminierung bereits bei der Einstellung: Angst vor einem Anfall am Arbeitsplatz oder das Vorurteil, dass der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin weniger kompetent ist. Eine arbeitssuchende Person, die ihre Epilepsie angibt, hat geringere Chancen, eingestellt zu werden. Es halten sich hartnäckige Mythen über Risiken bei Anfällen, wie etwa die falsche Annahme, man könne die Zunge verschlucken. Diese Vorurteile führen zu Diskriminierungen und Ausgrenzung der betroffenen Personen am Arbeitsplatz. Auch ist eine Anmeldung bei der Invalidenversicherung bei Epilepsien nicht immer nötig und sollte anhand der individuellen Anfalls- und Arbeitssituation beurteilt werden.
EPILEPSIEN SIND ZWAR WEIT VERBREITET, WERDEN ABER IMMER NOCH UNTERSCHÄTZT.
Sind Unternehmen ausreichend über Epilepsien und ihre Auswirkungen informiert?
Wahrscheinlich nicht und zum Teil ist das auch normal. Es gibt viele verschiedene Krankheiten, die Arbeitgeber nicht alle kennen können. Wir sind jedoch der Meinung, dass es deren Pflicht ist, sich bei der Bekanntgabe einer chronischen Krankheit zu informieren, um jegliche Form von Diskriminierung zu vermeiden. Bei Epi-Suisse bieten wir verschiedene Hilfsmittel an, um Arbeitgeber und ihre Teams in solchen Situationen zu unterstützen.
Welche konkreten Massnahmen können Unternehmen ergreifen, um Menschen mit Epilepsie besser zu integrieren?
Da gibt es zwei. Zum einen die Sensibilisierung und Schulung von Mitarbeitenden. Information ist das A und O: Was man nicht weiss, macht Angst. Je mehr Informationen Unternehmen über Epilepsie haben, desto weniger Raum bleibt für Vorurteile. Bei Epi-Suisse stellen wir Informationsmaterial für Arbeitgeber bereit. Auch haben wir ein Aufklärungsprogramm für Unternehmen. In ein oder zwei Stunden können wir eine bessere Inklusion erreichen, indem wir ein Verständnis dafür schaffen, was Epilepsie wirklich ist. Sowohl Menschen mit Epilepsie als auch ihre Kolleginnen und Kollegen sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber berichten uns von einer grossen Erleichterung nach diesem Aufklärungsprogramm. Viele Ängste werden abgebaut, die Kolleginnen und Kollegen sind beruhigt und wissen, wie sie sich im Falle eines Anfalls verhalten müssen und die betroffenen Arbeitnehmer:innen fühlen sich besser verstanden und wohler. Das bedeutet auch eine bessere Stimmung, mehr Effizienz und manchmal weniger Fehltage. Die erste Massnahme ist jedoch die Einstellung: Wenn ein zukünftiger Arbeitnehmer oder eine zukünftige Arbeitnehmerin eine Epilepsie meldet, sollte dies seine resp. ihre Chancen auf einen Job nicht schmälern.
Und was ist die zweite Massnahme?
Anpassung der Arbeitsbedingungen. Es ist üblich, dass Menschen mit Epilepsie besondere Anforderungen an ihren Arbeitsrhythmus haben. Die Nebenwirkungen der Behandlung und die Auswirkungen der Anfälle können manchmal zu erhöhter Müdigkeit oder verminderter Konzentration führen. Der Arbeitgeber kann den Arbeitsplatz so umgestalten, dass er den Bedürfnissen der Betroffenen entspricht, damit diese ihre Aufgaben erledigen können. Anpassungen können zum Beispiel sein:
Es ist wichtig, dass sich die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer an an ihrem oder seinem Arbeitsplatz in jeder Hinsicht sicher fühlt, was sowohl für sie resp. ihn wie auch für den Arbeitgeber von Vorteil ist. Zudem kann Stress bei manchen Betroffenen Anfälle begünstigen. In diesem Fall ist es für die Prävention wichtig, dass der Arbeitnehmer ohne Angst mit seinem Arbeitgeber und seinen Kollegen darüber sprechen kann.
Welche Rolle sollten Regierungen oder Institutionen bei der Förderung der Eingliederung von Menschen mit Epilepsie in das Arbeitsleben spielen?
In der Schweiz gibt es keine Verpflichtung für Unternehmen, Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit einzustellen. Einige Institutionen bemühen sich um die Eingliederung von Menschen mit Epilepsie in die Arbeitswelt, indem sie die Unternehmen sensibilisieren, aber das reicht nicht aus. Die Dachverbände der Behinderten- und Gesundheitsorganisationen schlagen zahlreiche Möglichkeiten vor, um mehr Inklusion zu erreichen: zum Beispiel Quotenregelungen, finanzielle Unterstützung, Stellen für Integrationsbeauftragte in grossen Unternehmen. Wir teilen diese Ideen, denn auf ein rein freiwilliges System zu setzen, ist nicht zielführend. Die Unternehmen müssen stark unterstützt werden und die Inklusion sollte verpflichtend sein.
Welche Botschaft möchten Sie zum Abschluss vermitteln?
Epilepsien sind zwar weit verbreitet, werden aber immer noch unterschätzt. Menschen mit Epilepsie müssen nicht nur mit den Anfällen, den Nebenwirkungen der Behandlung und den Einschränkungen ihres Lebensstils zurechtkommen, sondern auch mit den Blicken anderer, die oft von Vorurteilen und Ängsten geprägt sind. Die Sensibilisierung von Arbeitgebern und Kollegen führt zu einem besseren Verständnis für diese chronische Krankheit. Darüber hinaus kann eine Anpassung des Arbeitsplatzes in Verbindung mit einer wohlwollenden und offenen Haltung zu einem ruhigen Arbeitsklima führen, in dem sich die Fähigkeiten jedes Einzelnen entfalten können. Zögern Sie nicht, sich an Epi-Suisse zu wenden, um weitere Informationen zur Sensibilisierung am Arbeitsplatz zu erhalten.
Das Interview wurde von Elise Pelletier Rey für die Plattform enableme.ch geführt und ist in einer längeren Fassung online verfügbar.
Sie haben Fragen oder brauchen Unterstützung?
Unsere Mitarbeitenden der Sozialberatung helfen Ihnen gerne:
www.epi-suisse.ch/sozialberatung
info@epi-suisse.ch
043 488 68 80
Dieser Beitrag erschien erstmals im Epi-Suisse Magazin 2025.